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Märchen und Sagen

Der Hünebrunnen 1

Zwischen Kohnsen und Vardeilsen ist eine vorspringende Anhöhe (brink), welche gewöhnlich up der borg genannt wird. Daselbst haben früher Hünen gewohnt. Kamen nun Menschen dahin, um das Feld zu bestellen, so sagten die Hünen, die elenden, kleinen Erdwürmer wollten sie nur vertreiben. Alsdann nahmen sie eine Axt, machten damit ein Loch in den Boden, ließen in dieses ihr Wasser und ersäuften die Menschen darin.

 

Der Hünebrunnen 2

Zwischen Kohnsen und Vardeilsen befindet sich in einer tiefen Einsenkung des Bodens der Hünenbrunnen. Oben auf [144] dem hohen Ufer – up’r borgplatten genannt – hat das Hünenschloß gestanden. Vor etwa zwanzig Jahren hat noch ein Bauer dort eine Mauer ausgebrochen. Man glaubt, daß an dieser Stelle noch der verschüttete Keller der Hünen sei, worin sich ein goldenes Spinnrad und ein goldener Haspel befinden soll. Die Quelle lieferte den Hünen auf der Burg ihr Trinkwasser. Wollten sie trinken, so legten sie sich der Länge nach an dem Abhange hin, so daß sie die Füße oben liegen ließen, während der Kopf unten an der Quelle lag.

 

Der Hünebrunnen 3

Am östlichen Abhange des Rösenberges soll nach der Sage eine Burg gestanden haben, und am südöstlichen Abhange bei dem Dorfe Kohnsen eine zweite. Auf jeder dieser beiden Burgen wohnte ein Hüne, ein dritter wohnte auf dem Grubenhagen. Diese drei Hünen hatten einst mit einander verabredet am andern Tage auf dem Grubenhagen gemeinschaftlich zu backen. Als nun am andern Morgen der auf der Burg bei Kohnsen erwacht, hört er vom Grubenhagen herüber ein starkes Geräusch, wie wenn ein Backtrog gereinigt (ausgekratzt) wird, und glaubt daher, der auf dem Grubenhagen backe schon. Eilig macht er sich auf und geht nach dem Grubenhagen; zu gleicher Zeit trifft dort auch der andere vom Rösenberge ein, der dasselbe geglaubt hatte. Der auf dem Grubenhagen aber liegt noch im Bette und antwortet, als sie ihn fragen, was er denn gemacht habe, ganz ruhig, er habe sich die Rippen ein wenig geschabt.

 

Der Kinderbunnen

Es ist auch ein sehr verbreiteter Glaube, daß die neu geborenen Kinder aus Brunnen oder Teichen kommen, und fast an [60] jedem Orte finden sich bestimmte Brunnen oder Teiche, von denen dieses gesagt wird. Solche Kinderbrunnen sind folgende: der Molkenborn bei Münden, der Weeneborn bei Ballenhausen, der Kinderpump bei Senneckerode, der Përborn oder Rischenborn bei Gelliehausen, der Haselborn bei Großen Lengden, der Klingeborn bei Diemarden, der Jühnborn bei Waake, das Heerbörneken (Hirtenbrünnlein) bei Roringen, der Reinhardsbrunnen (Reinsbrunnen) bei Göttingen, der Glockensumpf bei Grone, der Kubbekesborn bei Adelebsen, der Hasselbrunnen bei Northeim, der Speckeborn bei Moringen, der Kapellenborn bei Fredelsloh, der Weingarten bei Hohnstedt, der große Teich bei Vogelbeck, die Böke (ût der Böke) bei Echte, der Wenneborn bei Negenborn, der Hungerborn bei Iber, der Johannisbrunnen bei Einbeck, der Hünenborn bei Kohnsen, der Kaspaul bei Kuventhal, der Hilleborn bei Mark-Oldendorf, der Slopborn bei Krimmensen, der Ilkenborn bei Sievershausen am Sollinge. In den benachbarten Braunschweigischen Aemtern kommen sie ebenfalls vor, so der Luhborn bei Greene, der Mühlenbrunnen bei Brunsen, der Tünnekenborn bei Bartshausen, der Vogelborn bei Eimen.

In Odagsen kommen die Mädchen aus dem Tünnekenborn, die Knaben aus dem Wellenborn; auch Vardeilsen hat einen besondern Knabenbrunnen »under der steinkûle« und einen Mädchenbrunnen etwa zwanzig Schritte davon in einem Bache. In Holzerode kommen die Kinder aus dem Glockenborn, aber auch aus dem Rattenstein, einem Felsen mit einer kleinen Höhle.

Zwischen der Papiermühle bei Kleinen Lengden und dem Eichenkruge befindet sich eine Quelle, deren Wasser der nahen Garte zuströmt. Aus dieser Quelle holt eine Wasserjungfer die neugeborenen Kinder und bringt zugleich den ältern Geschwistern Geschenke mit.

In den Ilkenborn bei Sievershausen werfen die Kinder noch jetzt Brot, Zwieback und Blumen. Auch in den Reinhardsbrunnen bei Göttingen ließen früher die Mütter oder Mägde, welche die kleinen Kinder dahin führten, diese Kuchen oder Zwiebäcke in das Wasser werfen, oder thaten es auch selbst. Es geschah dies namentlich zu Pfingsten. Den Kindern wurde dabei vorgesprochen, es sei das eine Gabe für die ungeborenen Kinder, die in dem Brunnen säßen.

Der Nachtrabe

Der Nachtrabe ist ein großer und starker Vogel, der nur bei Nacht fliegt. Mann nennt ihn auch den eisernen Vogel, [69] weil er eiserne (nach andern eherne) Flügel hat, mit welchen er diejenigen, die ihm nachrufen, zu Tode schlägt. Seine Stimme ist die eines Kolkraben, aber viel stärker; er ruft: hâr, hâr oder wârk, wârk (nach andern twârk oder kârk), und dieser Ruf bedeutet Krieg. Er fliegt mit großer Schnelligkeit; hat man ihn eben in der Nähe gehört, so hört man ihn in einem Augenblicke darauf vielleicht schon eine Stunde von da. Ein Bauer, der ihn bei Andershausen gehört hatte, hörte ihn im nächsten Augenblicke schon bei Kohnsen und gleich nachher bei Mark-Oldendorf rufen.

 

Zwei Bauern

Zwei Bauern aus Kohnsen kamen Nachts zwischen 11 und 12 Uhr vom Bartshäuser Thurme. Als sie am Berge waren, sahen sie oberhalb der Höfe im Felde den Landmesser, wie er mit einer glühenden Meßstange quer über maß; nachdem er da angekommen war, wo die Grenze (wanne) ist, blieb er stehen. Die beiden waren beherzt und gingen gerade auf ihn zu. Als sie bei ihm waren, fragten sie ihn, was er da zu thun habe und was er messe. Der Landmesser antwortete: es stände da ein Grenzstein unrichtig, den er bei seinen Lebzeiten dahin gesetzt habe; nun müsse er dafür in alle Ewigkeit messen, so lange der Stein noch an der unrechten Stelle stände. Dann fragte er sie, ob sie den Stein am anderen Tage an seine rechte Stelle setzen wollten, indem er ihnen dieselbe genau bezeichnete. Sie versprachen ihm [209] auch am folgenden Tage den Stein daselbst einzugraben. Der Landmesser sagte noch: »in der nächsten Nacht komme ich wieder und messe; steht dann der Stein an der rechten Stelle, so bin ich erlöst und komme nicht wieder; versprecht es mir und gebt mir die Hand darauf, daß ihr den Stein dahin setzen wollt.« Sie versprachen es nochmals und hielten ihm den Gehstock hin; er griff darnach, und gleich war der Stock ab. Am anderen Tage gingen die beiden Männer hin und gruben den Stein an der rechten Stelle ein. In der darauf folgenden Nacht achteten sie dann auf, ob der Landmesser wieder käme. Er kam auch richtig wieder und maß mit seiner funkelnden Stange alles nach; dann verschwand er und ließ sich nie wieder sehen.

 

Die Zwerge

Wenn früher in Kohnsen eine Hochzeit war, so kamen die Zwerge, durch ihre Hüte unsichtbar gemacht, in das Hochzeitshaus und aßen den Bauern den Reisbrei auf.

 

 

Georg Schambach / Wilhelm Müller: Niedersächsische Sagen und Märchen. Göttingen 1855, S. 124.
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